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  1. Eun-San
    8. Dezember 2013 @ 11:47

    Ein Gebet kann ein Anfang sein. Es kann vielleicht sogar so etwas wie ein Meilenstein sein, der eine Wende in unserem Leben markiert, auf den wir uns später zurückbesinnen können. Das schicke ich voraus, um die nächsten Sätze ein wenig auszubalancieren.

    Ich war einmal in einer Gemeinde zu Gast, deren Pastor seine Predigt anscheinend fast jeden Sonntag in einen Aufruf zum Nachsprechen eines Übergabegebet münden ließ. Die Kritik, die ich hörte war sinngemäß: „Es ist ja wichtig, dass wir neue Menschen fürs Reich gewinnen. Aber was ist mit den reiferen Christen? Müssen wir wirklich jeden Sonntag wieder das Evangelium hören?“
    Das zeugt in meinen Augen von einem extrem schmalspurigen Verständnis vom Evangelium und verdeutlicht das Problem der Überbetonung eines Gebetformats, das den von dir kritisierten magischen Beschwörungscharakter hat: Die frohe Botschaft wird hierbei häufig beschränkt auf die Möglichkeit, dass individuelle Seelen nach dem Tod in den Himmel gelangen.
    Ich glaube, wir spüren intuitiv, dass das für Gott im Grunde ein viel zu bescheidenes Projekt ist. Und daraus erklärt sich vielleicht eine Tendenz zur Überkompensation: Man setzt alles auf die Karte numerisch messbarer Evangelisation. Wir müssen so viele Menschen wie nur irgend möglich dazu bringen, dieses Gebet nachzusprechen. Und so gibt es viele missionarisch gehetzte Christen, die alles versuchen, um das Raumschiff, das die dem Untergang geweihte Erde verlassen wird, voller zu bekommen, oder apathische Christen, die sich selbst nicht zutrauen, Evakuierungswillige zu rekrutieren und das lieber den dazu Berufenen überlassen.

    Zugegeben, ich habe überspitzt formuliert. Aber ich halte ein derart (westlich) individualistisches Verständnis vom Evangelium tatsächlich für potentiell schädlich sowohl für das Leben innerhalb der Gemeinde (Mission => Getriebensein, Achselzucken oder schlechtes Gewissen) als auch für das Verhältnis zwischen Kirche und Welt. Es gilt, die kosmische Dimension der christlichen Botschaft neu zu entdecken. Die lässt sich – und das mag beunruhigend sein – nicht in irgendwelche Formate pressen. Auch nicht in Gebetsformeln.

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